Kultur

Der Schirach von Mallorca …

… SO NENN ICH IHN, meinen Freund Hans von Rotenhan. Auch er sehr guter Anwalt und hervorragender Schriftsteller. Seit Jahrzehnten auf den Balearen (Ibiza, Mallorca) und neuerdings in Berlin. Ein fränkischer Adeliger, der bescheiden aufs „von“ verzichtet, wenn er sich öffentlich äußert. Einer der besten Insel-Schreiber, dem man zuhören sollte, selbst wenn er nur einen Leserbrief schreibt. Mit Sätzen wie: „Die Mallorca-Drängle werden sich nicht bei den dort lebenden Spaniern anstecken. Aber sie werden es untereinander tun …“. Weisheiten in kleinen Prisen werden verteilt, wie beim großen Ferdinand von Schirach. Würde Rotenhan eine Zeitungs-Kolumne bekommen, ich würde das Blatt sofort abonnieren. Seine Bücher kaufe ich sowieso, wenn er sie mir nicht schenkt. Manchmal tut er das … 

Es kam zu mehreren Erdrutschen…

… RUND UM DEN TURM SES PUNTES IN MANACOR, heißt es. Ach, gab’s Erdbeben? Oder warum rutschte die Erde? Da wird man wieder für dumm verkauft, weil sich die, die verantwortlich sind, mit Ausreden aus der Verantwortung stellen. Die Fassa- de des schönen Turms aus dem 14. Jahrhundert hat Schaden erlitten und muss restauriert werden (30 000 Euro gibt die Stadt dafür aus). Aber nun mal im Ernst: Wer stammen die angeblichen „Erdrutsche“? Von Bautätigkeit rund herum! Von rücksichtslosen Aushuben und unkontrollierter Baggerei in der Nachbarschaft. Von Erschütterungen durch Maschinen, die tatsächlich (künstliche) Erdbeben auslösen. Ein Jammer, denn Manacor kann seine mittelalterlichen Bauten an einer Hand abzählen, und auch wenn der Ses Puntes eigentlich kaum für Besucher offen war (man konnte aber sehen, dass sich im Inneren städtische Bedienstete tummelten, die wohl nicht gestört werden wollten), so sollte man ihn als Kostbarkeit pfleglicher behandeln …

Das schmerzt – und das nicht!

WENN MAN NÄMLICH HÖRT, dass der schöne alte Fotoladen Casa Vila an der Placa Eulalia in Palma ein Jahr vor seinem 100-jährigen Jubiläum dicht macht! Das war nämlich eine Institution, aus dem auch hervorragende Fotografen hervorgingen, die viel beigetragen haben zur optischen Geschichtsschrei- bung von Mallorca. Millionen von Touristenfilmen haben sie entwickelt, jahrzehntelang Postkarten produziert. Der Virus gab Casa Vila den letzten Todesst0ß. Dennoch: Wenn etwas, das seit 3. Februar 1922 florierte, sich plötzlich in Luft auflöst, dann verschwindet etwas Unwiederbringliches! – Völlig egal ist dagegen, dass es die „Fanteria“ der Nullingers in Cala Millor nicht mehr gibt. Die wurde nie benötigt und Corona hat da die Arbeit einer Kehrmaschine geleistet. Eben wurde sie geschlossen, der Versuch, aus Spartensender-Popularität ein Geschäftsmodell zu basteln, ist kläglich gescheitert, mit und ohne Virus …

Vom Reiz (ur)alter Postkarten …

… UND ZWAR SO EINER WIE DIESE HIER! Der Hafen von Porto Pi in Palma, fotografiert um 1900. Es ist faszinierend, das ursprüngliche Mallorca zu sehen – und zu begreifen. Wie es sich verändert hat, und wie nicht. Diese über 100 Jahre alten Postkarten werden immer wieder angeboten (zu Dutzenden auf den Flohmärkten) und die Preise haben sich eingependelt zwischen 1 und 5 Euro, je nachdem ob sie original frankiert und „echt gelaufen“ sind, in Farbe oder schwarzweiß, heute noch attraktive Objekte zeigen und auf Stichen (solche können viel teurer sein!) oder Fotos basieren. Meine Postkarte hier stammt vom Rastro in Santanyi und hat 3 Euro gekostet. Tipp: Wenn man kauft, sollte man sich auf die über 100 Jahre alten Karten konzentrieren, spätestens ab 1920 ist so ziemlich alles Mist. Übrigens: Um 1900 schickten fast alle Hersteller ihre Fotos oder Grafiken nach Leipzig, dort wurden sie zu Postkarten gestaltet und zum Verkauf wieder auf die Insel gebracht! Fazit: Solche Postkarten, gerahmt an der Wand, sind ein klassisch schöner Schmuck, der von Kultur zeugt …

Hier kommt ein ganz dickes Ding …

… DAS 50 000 US-DOL- LAR KOSTEN UND EIN ORIGINAL SEIN SOLL! Verbunden damit ist auch noch eine spannende Ge- schichte und eine deutli- che Warnung! Angeboten wird es auf eBay.com (unter Majorca, Musical Instruments) und es ist – ta-ta-ta-taaa – ein Notenblatt von Frederic Chopin aus dem Jahr  1839 mit der Prelude in D-Dur, Opus 28, Nr. 15, komponiert in der Klause zu Valldemossa! Größe: 25,4 x 18,4 cm. Die Story: Eine Magd, die im Kloster putzte, fand es in einem Ab- fallkübel und brachte es ihrem Chef, in dessen Familie es lange Zeit bewahrt wurde, bis es eines Tages in Deutschland auftauchte, wo es der Besitzer vor Jahren erwarb. Wie es dann nach Maryland (USA) kam, ist unklar. Die Warnung: Ein nahezu identisches Noten- blatt wird im Chopin-Museum in Warschau gezeigt, es könnte also ein Entwurf von des Meisters Hand sein – oder eine Fälschung, weshalb der Verkäufer dringend empfiehlt, den Rat eines Experten einzuholen. Was eine ziemliche Frechheit ist bei dem Preis, denn das hätte eigentlich er tun sollen …

Circus ohne Bernhard Paul? Nit mööööglich …

Bernhard Paul …
… und die Ex-Deckenfabrik

ALS ICH LAS, DASS DIE STADT PALMA EINE ZIRKUS-SCHULE EINRICH- TET, klickte es sofort bei mir: Bernhard Paul, der österreichische Gründer und Leiter des Circus Roncalli (und nebenbei der legendäre Clown Zippo) wohnt nicht gerade um die Ecke, aber immerhin in der gleichen Stadt, Palmadie größte lebende Circus-Kapazität! Die Schule entsteht in der historischen Deckenfabrik Can Ribas im Stadtteil La Soledat, die Finanzierung ist kurzfristig gesichert und ein tieferer Sinn, warum die Kulturbeauftragten der Ciutat ausgerechnet eine Zirkusschule für notwendig erachten, ist erstmal nicht erkennbar. Aber sei’s drum, ich bin dennoch ein Befürworter. Aber wissen die Herrschaften eigentlich, dass es Bernhard Paul gibt? Dass er unter ihnen wohnt? Dass sein Haus in Palmanova ein circensisches Museum ist, und sogar die Originalküche des berühmtesten Clowns des 20. Jahrhunderts beinhalt – die von Grock? Dass Paul sie beraten könnte wie kein Zweiter? Und vielleicht sogar als Finanzier einzusteigen bereit ist? Nein, sie wissen es nicht, und wenn, würde es sie wahrscheinlich nicht interessieren. Um nicht wieder einem Ausländer ein Kulturprojekt zu überlassen. Schade. Aber vielleicht irre ich mich ja, oder einer der Kulturbeauftragten liest das hier und möchte von mir die Telefonnummer von Bernhard Paul haben – ich geb‘ sie ihm gerne …

Mein Corona-Tagebuch: Will macht auf!

DIE KULTUR KEHRT ZURÜCK, ab morgen ist Son Baulo wieder offen! Will darf – und er wagt es. Es beginnt mit der Schau der neuen Skulpturen von Norbert Jäger (ab 12. Mai), 21. 5.: Autoren-Salon, 23.5.: Musik des Orients, 31.5.: Boogie-Woogie-Abend mit Axel Zwingenberg. Natürlich müssen immer noch die strengen Corona-Regeln eingehalten werden, deswegen ist ein Besuch nur mit Voranmeldung erlaubt (Email: son-baulo@son-baulo.com). Aber es beginnt das große Aufatmen mit einem Erleichterungsseufzer rund um unsere Kulturfinca …

Pst, ein bisschen was Privates ..

Das Logo der „Insel-Zeitung“ …
… und Fitzners Kolumne

ICH SCHREIBE DAS NUR, weil weil mein Freund Thomas Fitzner, der wunderbare Autor aus Österreich (er lebt aber in Cos- titx), ein geradezu verstörend beschei- dener Mensch ist. Da hat er doch in seiner Kolumne in der „Insel-Zeitung“ mitgeteilt, eine Lesung von mir habe einen „Publi- kumsrekord“ auf der Kulturfinca Son Baulo erzielt – und verschwiegen, dass wir beide an diesem Abend aufgetreten sind: Fitzner & Thorer. Der Rekord, auf den wir ziemlich stolz sind, gehört zur Hälfte ihm, und ich bin mir dessen wohl bewusst, und wir werden unsere so erfolgreiche Le- sung in diesem Frühjahr wiederholen (mit neuen Texten natürlich) und dann werde ich sofort veröffentlichen, dass auch Fitzner dabei war, um ihm seine Bescheidenheit auszutreiben …

Sic transit gloria mundi …

… SAGTEN DIE ALTEN RÖMER: „So vergeht der Ruhm der Welt“. Und in diesem Kleinanzeigen-Fall gleich dreimal: 1. verschwand die Galeria Sailer in Santanyi, Schatzkammer kostbarer Webstoffe (weil die wohlhabenden Finca-Banausen einen billigen Perserteppich nicht von einem antiken Kelim unterscheiden wollen/können), 2. vermag man dadurch den glockenhellen und einst hochgeschätzten Tenor von Señor Sailer nicht mehr zu vernehmen, und 3. hält uns diese Kleinanzeige vor Augen, dass der legendäre Brockhaus im Zeitalter von Google nichts mehr wert ist. Man kann ihn in der ehemaligen Galeria Sailer gratis abholen, denn natürlich bringt es Señor Sailer nicht übers Herz, die 24 Bände auf den Müll zu werfen (wie mir mein Leib-Antiquar geraten hatte: „In eine Umzugskiste packen, zum Wertstoffhof  und in den Papierfresser! Für den kriegen Sie nicht mal 5 Euro …!“). Wie wahr: Bei Ebay wird eben jener Brockhaus für 1 Euro angeboten – mit Selbstabholung irgendwo in der Wallachei …

Noch ’n Gedicht! Poesie Nr. 7 …

ICH HABE HERUMGEHORCHT und zu meiner großen Überraschung entdeckt, dass anscheinend Hunderte von unter uns lebenden Menschen Mallorca-Gedichte reimen und veröffentlichen – in Büchern und im Internet. Zum Teil sind es seitenlange Balladen, andere wirken eher wie balearische Haikus. Einerseits erheitern sie, was sicher oft nicht in der Absicht des Lyrikers lag, andererseits gibt es aber auch professionelle Poesie von literarischer Klasse. Ich werde von nun an jede Woche einen der Reimer mit einer Strophe vorstellen und zwar diesmal Roman Herberth – und sein Gedicht „Auf der Insel Mallorca“, das ein paar kecke Reime enthält:

… und dann folgen 4 Strophen, die eine Insel-Werbung sein könnten. Auf der Zunge zergehen lassen und viel Spaß beim Staunen! Sollte der Wunsch bestehen, die Gedichte vollständig zu lesen, so verweise ich auf Google