Kunst & Künstler

Wieder so ein herrliches Haus!

ES STEHT IN PORTOCOLOM und ist, natürlich, ein Gemüseladen! „Fruiteries d’es Port“ heißt er und ich bewundere die Besitzerin dafür, dass sie den Fassadenmaler Leo aus Spaß an der Freud‘ angeheuert und (wahrscheinlich teuer) bezahlt hat. Aber es hat sich gelohnt, das Haus ist rundherum ein Kunstwerk und so anregend, dass man geradezu durch die Ladentür stürmt! Auch diese Fresken sind eine Variante der auf Mallorca so beliebten Graffiti-Malerei, nur nicht im Fantasy-Stil, sondern auf das Innenleben der Mauern bezogen. Gratulation, liebe Gemüsehändlerin! Und, nebenbei gesagt: Kaum irgendwo bekommt man frischere Ware in größerer Auswahl zu anständigeren Preisen …

Da jubeln die süffelnden Sammler …

… DENN ANREU MAIMÓ HAT EIN WEIN-ETIKETT GESTALTET! Dieser wunderbare Baum-Maler aus Felanitx, dessen Bilder sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, der gerade eine Ausstellung nach der anderen erlebt und allein von drei Freunden von mir gesammelt wird, ganz zu schweigen von mir. Maimó hat auf den Flaschen einen seiner unauflösbar verzopften Feigenbäume abgebildet und im Druck signiert und das macht sie zum Sammelobjekt mit der Möglichkeit, ein paar köstliche Gläser zu trinken. Der Wein ist ein Rosé namens „Son Prohens“, aber auch ein feiner Tinto, und stammt vom Winzer Armero i Adrover in Felanitx. Ein feiner Tropfen mit 14 %, chemisch unbelastet und von einer Farbe wie ein rosa Diamant. Er kostet um die 15 Euro.

Der vergessene Poppelreuther …

Selbstporträt 1947
Ansicht von Orient (1945)

… DABEI WAR ER EINER DER ERSTEN DEUT- SCHEN RESI- DENTEN AUF DER INSEL! Hans Otto Poppelreuther, ein Maler aus Saarbrücken (andere sagen: aus Königs- berg), 1885 geboren, 1912 erstmals auf Mallorca, von 1914 bis 1936 mit festem Wohnsitz in Orient und ab 1955 sei zu seinem Tod 1965 in Deia. Poppelreuther malte Landschaften und Stadtansichten in zarten Wasserfarben, sie sind im Berliner Museum und im Casal Balaguer in Palma zu sehen, nahm regen Anteil am Kulturleben, stellte z. B. 1945 im „Salon Primavera“ in Palma aus und galt sein Leben lang als „Der Deutsche auf Mallorca“. Umso erstaunli- cher, dass er völlig vergessen ist, es gibt nicht mal einen Wikipedia-Eintrag! Und das, obwohl er in seinen Memoiren mit dem Titel „Un resumen“ seine Zeit lebhaft beschrieben und illustriert hat – aber eben leider nur auf Spanisch …

Das grafische Schlaraffenland …

… IST MALLORCA! Und ich sag’s immer wieder: Die Kunst der Gestaltung hat auf dieser doch winzigen Insel einen Standard er- reicht, der künstlerisch Interessierte geradezu zwingt, die Druckkunst der Insel zu sammeln – vor allem Plakate! Diese Woche fiel mir eins von 1946 in die Hände, es warb für die Veranstaltungen zu San Agustin im August in Felanitx und geschaffen hat es einer, der rechts unten mit ROCA signiert hat (wahrscheinlich Roca Fuster). Was für ein kühner Entwurf, in einem Jahr der Not, mit rationierten Lebensmitteln und einem Regime, dass nur minimalste Freiheiten erlaubte. Und dann tanzt da so eine fröhliche Señorita mit einem geblähtenRock wie eine rote Weltkugel über das Blatt! Es gibt Hunderte ähnlich großartiger Plakate, auch wenn nur wenige die schweren Zeiten unter Franco überlebt haben. Aber dies hier war eins, das hätte ich gerne gekauft, aber der mallorkinische Sammler schaffte es nicht, sich davon zu trennen („Noch nicht …“), weil er als kleiner Bub seinen Vater zu dieser Verena begleiten durfte und sich noch lebhaft erinnert, nicht an die Lady in Red, aber an die Musik, zu der sie tanzt …

Es haben sich Leute gemeldet …

… DIE DRINGEND WISSEN WOLLEN, wie der exzellente Graffiti-Künstler Banek alias Pere Botsmann aussieht. Hier ist er! Ich habe bei der „Mallorca Zeitung“ eine Aufnahme der Fotografin Nele Bensgens besorgt, die den 32-Jährigen aus Felanitx vor seinem Monumentalwerk (420 qm!) unter der Autobahnbrücke von Pont d’Inca zeigt. Pere ist übrigens ein bescheidener Mann, der ganz überrascht war, als ich ihn fragte, ob es seine Arbeiten denn auch in Buchform gäbe: „So gut bin ich doch noch gar nicht!“ Doch, Pere, das bist du, und wenn mir keiner zuvorkommt, dann werde ich (mit ihm) so ein Buch publizieren.

Immer neue Graffiti …

ALS ICH GESTERN DURCH FELANITX GEWANDERT BIN, habe ich dieses kolossale, interessante und stolz signierte Fresko gesehen. Fabelhaft, was da für Künstler unterwegs sind, und das auch noch gratis! Wenn die wirklich was können, und nicht nur ein paar Buchstaben oder unkenntliche Logos an die Wände schmieren, dann tun die Mauerbesitzer gut daran, den Könnern das Malen zu erlauben. Erstaunlich oft in den Fresken Monster auf, hier auch, scheinbar stecken die Künstler tief in der Fantasy-Welt, aber sei’s drum – wenn’s einen künstlerischen Wert hat. Dieses Werk hat 2012 ein 32-jähriger Deutsch-Mallorkiner aus Felanitx geschaffen, Pere Botsmann, der sich den Künstlernamen „Banek“ zugelegt hat.  Ein Vielseitigkeitsgenie, der auch Comics zeichnet, Keramiken im Laden seiner Mutter bemalt und Gemälde schafft. In Mallorca hat er einige Kolossalwerke geschaffen, das bekannteste prangt unter der Autobahnbrücke bei Pont d’Inca. Also Achtung, Sammler, der Mann hat Zukunft …

Kim Who?

HAB’S JA IMMER SCHON GEAHNT (und geschrie- ben): Wenn ein Künstler Zuhause nicht mal mehr ein Hinterstübchen bekommt für einen Auftritt, muss er nur nach Malle fliegen – da rollen sie ihm den Roten Teppich aus. Deshalb musste ich grinsen, als ich die Schlagzeile (siehe Foto) las: Da kommt also eine britische Pop-Oma, 60, die 1981 (vor 39 Jahren) den letzten Platz 1-Hit als Solosängerin hatte, und an die sich deshalb nur noch greise Musikalienfans erinnern (wenn überhaupt), 2022 (!) – in 1 Jahr (wenn nicht wieder was dazwischen kommt) – und das wird jetzt schon gefeiert … – rührend ist das! Kim Wilde, von Beruf Landschaftsgärtnerin, einst große Nummer, die aber anderswo keine 10 Tickets mehr verkaufen würde. Es sei ihr gegönnt, nur wundere ich mich, wie anspruchslos das Insel-Publikum selbst in Zeiten von Social Media ist …

Schweizer Briefmarke, erdacht in Corona-Zeiten …

… UND DA MUSS MAN EINEM KÜNSTLER EINIGE FREIHEITEN NACHSEHEN! Denn es kann gut sein, dass sich die Quarantäne auf schöpferische Migräne reimt – und Klaustrophobie auf Phantasie! Natürlich wird diese Briefmarke nie erscheinen, der nimmermüde Zürcher Innenarchitekt und Zeichner Max Reiser hat sie sich ausgedacht und gezeichnet, im postalischen Wert von 100 Rappen (oder meint er etwa Franken?), mit Mickymaus als Henker und dem weisen Spruch „Hass ist tödlich“, weswegen das Lachen der Comicfigur etwas heimtückisch wirkt. Jedenfalls ein echter Hin- gucker, wenn auch mit nebulösem Sinn, aber ein interessan- tes Produkt des kasernierten Lebens auf einer einsamen Finca an der Nordostküste unserer geliebten Insel …

 

 

Ich kann nur dringend dazu raten …

… NÄMLICH ZUR HAUSBESICHTIGUNG VON SA BASSA BLANCA! Das ist die Privatvilla von Yannick Vu und Ben Jakober auf der Halbinsel Victoria (hinter Port d’Alcudia). Erbaut vom legendären ägyptischen Architekten Hassan Fathy, ein „lebendes“ Museum voller überraschender Schätze, ein Traum aus 1001 Nacht, mit idyllischen Innenhöfen voller sprudelnder Brunnen, luftigen Umgängen aus filigraner Holzschnitzerei und Antiquitäten, die man sonst nur in verschlossenen Adelspalästen sieht. Es wird jetzt eine „Hausführung“ für 25 Euro angeboten, was nicht billig ist, aber jeden Cent wert, zumal Deutsch gesprochen wird! Anmelden kann man sich nur telefonisch (971/54 69 15), und nur kleine Gruppen werden reingelassen, aber schon mal reinschauen sollte man aus der Ferne (msbb.org). Und: Die ganzen herrlichen Ausstellungen rundherum – und vor allem den Turm ganz oben mit seinem aberwitzigen Inhalt und dem phantastischen Blick über die Bucht, kann man nebenbei auch noch mitnehmen …

Arien auf den Erzherzog …

Carmen Riera
Ludwig Salvator

… WERDEN WIR BALD HÖREN, aber noch weiß man nicht, wie sie klingen werden, aber eins ist jetzt schon ziemlich klar: Das Libretto einer „Erzherzog-Oper“ wird unterhaltsam sein, denn Carmen Riera verfasst es gerade. Das ist Mallorcas bedeutendste Schriftstel- lerin, 1948 geboren und seit 1993 gibt es sieben ihrer Bücher auch auf Deutsch, das ist ein enormer Erfolg! Das Leben des kaiserlichen Adeligen aus Österreich, der mit seinen Veröffentlichungen mehr für die Insel getan hat als jeder andere Ausländer (und vielleicht sogar Insulaner!), gibt ja weiß Gott genug Stoff her. Von seiner Leidenschaft für Landschaften und seiner arkadischen Hofhaltung, von seinen bisexuellen Liebschaften bis zu den Besuchen von seiner Cousine, Kaiserin Sisi – das schreit geradezu nach einem klingenden Bühnenwerk, sei es nun Oper oder Musical! Ich jedenfalls bin sehr gespannt und werde Señora Riera anrufen, um zu erfahren, worauf sie ihr Hauptaugenmerk richtet …