Mallorkiner

Manchmal denke ich an Don Tu …

 

Gesamtansicht von Portocolom heute …

DAS WAR EIN ADELIGER VON DER INSEL, und wie alle Herrschaften von echter Nobilität, mit soviel Land gesegnet, dass er hätte König oder wenigstens Fürst sein können: Guillem Marcel Fonts del Olors Ordines Puig de l’Almadra, besaß die Hälfte des Stadtgebietes von Portocolom – 3 km an der Küste entlang und 4 km landeinwärts. Praktisch alles Land zwischen dem Kreisel an der Ortseinfahrt (von Felanitx kommend) bis zur Cala Marcal und hoch bis zum Golfplatz Vall d’Or. „Don Tu“, wie er genannt wurde, war reich und doch arm, ein typischer Fall, weil er nur Geld in die Hand bekam, wenn er Grundstücke verkaufte. Und weil Don Tu zwei Leidenschaften hatte, besaß er am Ende keinen einzigen Quadratmeter mehr: er spielte und trank. Und als er alles verscherbelt hatte, da zog er von Kneipe zu Kneipe, war überall eingeladen, weil er schließlich der Lehnsherr gewesen und ein amüsanter Zeitgenosse geblieben war, nur Geld liehen sie ihm nicht, weil er es doch nur verspielt hätte, und so blieb ihm als Altersvergnügen lediglich die Trunkenheit. Ich muss immer an ihn denken, wenn ich nach Portocolom fahre und mir betrachte, was aus dem verschlafenen Hafenstädtchen geworden ist. Und wie gut es ist, dass Don Tu das nicht mehr erlebt hat, obwohl er steinalt wurde, so dass ich ihn zwei- oder dreimal erleben durfte an einer Theke. Immer Gentleman, stets lustig und voller Schnurren, die seine Münze waren als gewesener Reicher. Ich erwähne ihn, weil kein Ausländer Dinge wie diese je von Mallorkinern erfahren wird …

Rationierte Lebensmittel auf Mallorca?

Ein „Rationierungsbuch“ …
… 3 Coupons für Reis, Zucker & Öl
… und ein Coupon für Brot

UNVORSTELLBAR! Und doch ist es noch nicht so lange her, dass man auch auf der Insel, wie im Nachkriegsdeutschland, Reis, Öl, Brot und Fleisch nur auf „Marken“ bekam, die in billig gedruckten kleinen Heften zugeteilt wurden. Ich habe so ein „Rationierungsbuch“ gerade bei meiner Nachbarin Maria entdeckt, mit einer faschistischen Steuermarke (Porträt von Jose Antonio de Rivera, 10 Céntimos) auf dem Deckel, vom ersten Dritteljahr 1952, natürlich stark benützt und diese Mangelwirtschaft dauerte bereits seit 1938, seit dem Bürgerkrieg! Das bedeutet: Als die ersten Touristen längst einflogen (oder per Schiff kamen), litten die Einheimischen Hunger, wenn sie nicht Bauern waren, die sich heimlich selbst versorgen konnten. Davon merkten die Gäste nichts, meine Eltern, die damals schon auf Mallorca urlaubten, haben nie etwas erzählt. Aber ich denke, noch in den 50er-Jahren hat die Franco-Regierung den Markt freigegeben und die „Cupones“ abgeschafft, da haben allerdings schon eine Menge Ausländer auf Mallorca gewohnt! Was für eine perverse Situation: Vollpension in den Hotels für die Turistas und Brot für die Einheimischen nur von Tag zu Tag per „Marke“. Es ist doch immer wieder interessant, ab und zu mal in die Geschichte unseres kleinen Felsens zu lugen …

 

 

Jetzt auch das noch, klagen die Mallorkiner …!

Silvio Vass mit Siegerpokal und Maskottchen

DENN IHNEN BLEIBT AUCH NICHTS ERSPART! Jetzt gewann ein Deutscher beim Balearentag die „Trobada Internacional Tir De Fona“  – das Steinscheudern, den Nationalsport der Insel. Silvio Vass heißt er. 44 Jahre, Erzieher aus Altensalzkoth bei Celle. Der nicht mal auf Mallorca wohnt. Seit 2009 hat er 4 Turniere gewonnen und nun fürchten ihn die Eingeborenen, wenn er bei ihren Wettkämpfen auftaucht. Späte Rache? Als Artillerie in Caesars X. und XI. Legion waren die ersten Mallorkiner um 50 v. Chr. in Germanien aufgetaucht und hatten unsere Vorfahren in Grund und Boden geballert (daher der Name „Balearen“). Die besaßen zwar auch eine Art Schusswaffe, die kurzen Speere namens Ger (= Germanen), aber gegen die Mallorkiner, die Stein- und Metallkugeln bis zu 300 m weit schleudern konnten, war damit nichts auszurichten. Und nun erscheint ein Germane auf Mallorca und feuert, sozusagen, die Steine zurück! Und die, die seit 4000 Jahren Profis sind, müssen kapitulieren! Nun sind die Insulaner ja kreuzschlaue Zeitgenossen und werden sich die Lufthoheit zurückholen – indem sie ihre Turniere nicht mehr „international“ ausschreiben …

Mein CORONA-Tagebuch: Warum ich es schreibe …

DIE INSEL IST STILLGELEGT. Nur noch die Eingeborenen und die ausländischen Residenten leben hier. Alles ist dicht. Aber die Mallorkiner sind, seit 5000 Jahren, noch mit allen Krisen fertig geworden und bekanntlich gibt es für jedes Verbot ein Hintertürchen. Beim Tricksen sind sie Weltmeister, so haben sie alle Eroberer überlebt, da kann man von ihnen nur lernen. Zumal sie selten wirklich illegal tricksen, oder gesundheitsgefährdend, oder gar lebensgefährlich – sie sind ja nicht blöd! Nur schlau. Ich lerne gerade von ihrem täglichen Umgang mit der Notsituation und bewundere sie dafür. Deshalb schreibe ich dieses Corona-Tagebuch. Als Lehrstück für kluges menschliches Verhalten und zur puren Unterhaltung. Morgen folgt das 1. Kapitel: Wasser!

Handgeschnitzt oder handgeschmiedet?

Eine Glocke aus Holz …
… oder aus Metall?

DAS IST DIE FRAGE, WENN’S UM ANTIKE GLOCKEN GEHT! Wenn ich über die Insel fahre und Bimmeln höre, verharre ich automatisch und versuche, die Töne zu deuten: Holz oder Metall? Holz klingt schwerer, dumpfer, melodischer; Metall heller, greller, aufdringlicher, weiter tragend. Ein paarmal ist es mir gelungen, Bauern alte Glocken für meine Mallorca-Sammlung abzukaufen, manchmal sogar mit dem handgegerbten Halsband. Da sind Prunkstücke dabei, z. B. Holzglocken von 20 cm Höhe, eine Metallglocke misst sogar 31 cm – und hat einen hölzernen Klöppel. Einst (und das ist sehr weit weg!) konnte man am Glockenton unterscheiden, ob es eine Kuh, ein Schaf oder eine Ziege war, aber dieses Wissen ist selbst den uralten Schmieden und Schnitzern verloren gegangen. Wenn Sie das nächste Mal bei Fahrten übers Land Bimmeln hören, denken Sie an meine Worte: Es war mal eine Kunst auf Mallorca, die Tiere auf der Weide mit Musik auszustatten …

Mallorkiner sind schon eins seltsamer Volksstamm …

Sie lieben es zu quatschen, nur nicht mit uns …

… ALLEIN SCHON WEGEN IHRES VERFLUCHTEN SCHWEIGENS, das aber ein prinzipaler Wesenszug ist, in den letzten 5000 Jahren einzementiert in ihre DNA. Es ist ihnen auch nicht auszutreiben, nicht mal durch Freundschaft. Da treffe ich meine Nachbarin Maria, 95, die ich seit 54 Jahren kenne, wir quatschen am Zaun über Gott und die Welt – und 4 Tage später ist sie nicht mehr da! Hat ein Zimmer in einem Altenheim bezogen und an ihrer Finca hängt jetzt ein SE VENDE-Schild. Hätte sie mir nicht einen Ton sagen können/sollen/müssen? Oder Joan, der Wirt des „Sa Sinia“ in Portocolom. Ich war gerade noch zum Essen da – und einen Monat danach ist sein Restaurant geschlossen, für immer. Weil der Pachtvertrag nach 30 Jahre nicht verlängert wurde. Meine Grußmutter hat schon 1958 bei Joans Vater Toni im „Sa Sinia“ gegessen, und weil auch ich Stammgast war, trug ein Stuhl ein Schildchen mit meinem Namen. Warum hat Joan mich denn nicht informiert? Typisch mallorkinisch! Was wundere ich mich. So sind die echten Eingeborenen alle. Man kommt sich nur so blöd vor als Freund, der man offensichtlich nicht ist als ewiger Ausländer … 

Wein, den nur Eingeweihte trinken!

Diese vier Sorten gibt es …

ES GIBT IHN (offiziell) NICHT ZU KAUFEN, richtige Etiketten hat er auch nicht, nur Freunde können ihn erwerben (12 Flaschen für 40 Euro!) und der, der ihn produziert, ist nicht mal Winzer, sondern Professor an der Balearen-Universität. Das Keltern ist ein Hobby und er betreibt es, weil die Finca, die er erbte, auch einen riesigen Weinberg hat. Seine Freunde, ausschließlich Mallorkiner, teilen sich jedes Jahr die Weinernte, und weil meine Familie seit 1958 auf der Insel lebt, gelte ich als halber Eingeborener und darf 2019 zum ersten Mal teilnehmen an der exklusiven Runde. Ich sag‘ mal so: Man muss den Privatgekelterten schnell trinken, er wurde durch nichts haltbarer gemacht, naturreiner geht’s kaum – und er ist, so fühlt er sich auf der Zunge an, das Beste, was an Wein auf Mallorca produziert wird. Der Rote ist stark, das Holzfass, in dem er mindestens 1 Jahr altert, schmeckt man raus und ich schätze ihn auf mindestens 13,5 %. Der Weiße ist mild-herb, um die 12,5 % und dennoch von einer  göttlichen Fruchtigkeit. Ich gebe zu, dass dieser Post ein bisschen Onanie ist (… man nimmt nicht wirklich teil als Leser), aber ich wollte dennoch darüber berichten, weil ich interessant finde, was so alles hinter den Kulissen stattfindet …

Achtung, Comic-Freunde, ein Tipp, der aber nicht komisch ist …!

ES IST KEINE FRÖHLICHE LEKTÜRE, aber fabelhaft wie so vieles, was von mallorkinischen Zeichnern stammt! Pedro J. Colombo heißt er und er hat in einem großformatigen Band das Schicksal des Fotografen Francisco Boix dargestellt. Der überlebte das KZ Mauthausen (als Hilfsfotograf der SS), schaffte es, seine Fotos rauszuschmuggeln und Colombo hat aus ihnen und den Erzählun- gen von Boix diesen Comic geschaffen, an dem nichts komisch ist, aber der so heißt, weil er zum Genre gehört. Name: „Der Fotograf von Mauthausen“. Das Buch kostet 29 Euro, ist auch auf Deutsch erschienen und für Mallorca ist es insofern bedeutend, als es auch  das grausige Leben der 60 Insulaner beschreibt, die in Mauthau- sen gequält wurden.

 

Man weiss eben einfach zu wenig …

… VON MALLORCA! Ich hatte z. B. bis vor Kurzem keine Ahnung von „Gori de Muro“, dem Biskuit der Bäckerfamilie Noceras in Muro, den es seit 1890 in 13 Varianten gibt. Preis pro Beutel: 1.45 bis 2.53 Euro. Dieses süße Gebäck in Scheibchenform ist derart gut, weil nahrhaft, dass es die spanische und britische Marine einst tonnenweise als Schiffszwieback einkaufte (worauf es in England „Bread of Sailors“ genannt wurde), und es heute sogar bei Aldi zu haben ist. Das Rezept („Dolc tipic“) ist ein scharf bewachtes Geheimnis der Bäckerei an der Plaza de Sant Martin, 8, bei der man unbedingt mal vorbeischauen sollte, und ich konnte meine Frau jetzt überreden, immer ein paar „Gori“-Beutel im haus zu haben – für „Notfälle“ …

 

 

 

Hier kommt was Interessantes, Mallorca-Sammler!

Die Münze vorne und hinten …
… und Toni, der Korsar aus Mallorca

ES IST EINE SILBRIGE MEDAILLE MIT BUNTEM BILD, geprägt von der königlich-spanischen Münze in Madrid und sie ehrt den berühmtesten Seefahrer aus Mallorca: Antonio Barceló (1717-1797), genannt „Capita Toni“. Das war ein Korsar, also ein staatlich lizensierter (legaler) Pirat, der 19 Jahre lang feindliche oder auch nur lohnende Schiffe kaperte, die eigenen Frachtschiffe schützte und seine Millionen-Beute im Schatzamt zu Madrid ablieferte. Die ihm zu Ehren geprägte Münze zeigt sein Schiff, besteht aus einer Kupfer-Nickel-Mischung, wiegt 15 Gramm und hat einen Durchmesser von 3,3 cm. Der Nominalwert beträgt 1,5 Euro, aber da die Auflage ziemlich limitiert ist, muss man mit 14 Euro rechnen. Bezug: Die Münze wird im Internet angeboten.