Musik

Arien auf den Erzherzog …

Carmen Riera
Ludwig Salvator

… WERDEN WIR BALD HÖREN, aber noch weiß man nicht, wie sie klingen werden, aber eins ist jetzt schon ziemlich klar: Das Libretto einer „Erzherzog-Oper“ wird unterhaltsam sein, denn Carmen Riera verfasst es gerade. Das ist Mallorcas bedeutendste Schriftstel- lerin, 1948 geboren und seit 1993 gibt es sieben ihrer Bücher auch auf Deutsch, das ist ein enormer Erfolg! Das Leben des kaiserlichen Adeligen aus Österreich, der mit seinen Veröffentlichungen mehr für die Insel getan hat als jeder andere Ausländer (und vielleicht sogar Insulaner!), gibt ja weiß Gott genug Stoff her. Von seiner Leidenschaft für Landschaften und seiner arkadischen Hofhaltung, von seinen bisexuellen Liebschaften bis zu den Besuchen von seiner Cousine, Kaiserin Sisi – das schreit geradezu nach einem klingenden Bühnenwerk, sei es nun Oper oder Musical! Ich jedenfalls bin sehr gespannt und werde Señora Riera anrufen, um zu erfahren, worauf sie ihr Hauptaugenmerk richtet …

Hier kommt ein ganz dickes Ding …

… DAS 50 000 US-DOL- LAR KOSTEN UND EIN ORIGINAL SEIN SOLL! Verbunden damit ist auch noch eine spannende Ge- schichte und eine deutli- che Warnung! Angeboten wird es auf eBay.com (unter Majorca, Musical Instruments) und es ist – ta-ta-ta-taaa – ein Notenblatt von Frederic Chopin aus dem Jahr  1839 mit der Prelude in D-Dur, Opus 28, Nr. 15, komponiert in der Klause zu Valldemossa! Größe: 25,4 x 18,4 cm. Die Story: Eine Magd, die im Kloster putzte, fand es in einem Ab- fallkübel und brachte es ihrem Chef, in dessen Familie es lange Zeit bewahrt wurde, bis es eines Tages in Deutschland auftauchte, wo es der Besitzer vor Jahren erwarb. Wie es dann nach Maryland (USA) kam, ist unklar. Die Warnung: Ein nahezu identisches Noten- blatt wird im Chopin-Museum in Warschau gezeigt, es könnte also ein Entwurf von des Meisters Hand sein – oder eine Fälschung, weshalb der Verkäufer dringend empfiehlt, den Rat eines Experten einzuholen. Was eine ziemliche Frechheit ist bei dem Preis, denn das hätte eigentlich er tun sollen …

Es gibt ein Mallorca-Lied, das keiner kennt …

… ABER ES GAB EINE ZEIT, DA WAR ES EIN WELTHIT MIT NAMEN „MAJORCA“. Es ist, wenn man die ganze Musikgeschichte betrachtet, das erfolg- reichste Lied, das jemals über die Insel geschrieben wurde – 1954 war das und es verkaufte sich millionen- fach. Die Franzosen Geo Bonnet & Louis Gasté haben es verfasst, und es gibt meist englische Cover-Versionen von mindestens 30 Interpreten, unter ihnen Petula Clark, Chris Barber, Wilbur de Paris, die Johnston Brothers, Bob Manning, Roberto Correll und Corry Brokken. Man kann im Internet sogar noch alte Singles mit „Majorca“ kaufen und es sich anhören auf YouTube, und ich wundere mich, dass es mir völlig unbekannt war – und auch keiner, den ich auf der Insel danach gefragt habe, je davon gehört hat. Dabei ist das ein gefälliger Song, ein Ohrwürmchen, und könnte durchaus – neu arrangiert und von einem aktuellen Star gesungen – neu aufgelegt werden.

Das Geheimnis hinter dem „Regentropfen-Predulde“ …

ES IST DAS BERÜHMTESTE MUSIKSTÜCK MALLORCAS: Frederick Chopins Op. 28, No. 15, von 1838/9, genannt das „Regentropfen-Prelude“. Klassikfreunde hören aus der 5 bis 8 Minuten langen Komposition fallende Tropfen heraus, mir gelingt das nicht, und seit dem Entstehungsjahr doktert man an dem Titel herum, interpretiert ihn immer wieder neu – und der einst weltbekannte Künstler Charles Lamotte (1903-1983), ein Franzose mit US-Pass, hat versucht, den Moment der Idee dieses Prelude darzustellen: Chopin am offenen Fenster in Valldemossa, draußen schauerlicher Regen, George Sand und ihre Kinder sind auf einem Ausflug nach Palma überfällig (ihre Kutsche hatte einen Unfall), er regt sich auf und versucht, diese Aufregung auf Notenblätter (eins hat er in der Hand, sechs flattern am Boden) zu bannen. Lamottes Werk wird auf eBay USA für 50 Euro ange- boten, es ist ein Druck auf Papier, misst 33 x 22 cm und ist mit einem erklärenden Text versehen. Gerahmt an der Finca-Wand ist es eine Besonderheit, nämlich ein wichtiger Moment der Geschichte der Insel, umgesetzt fürs Auge (und dazu kann man ja die „Regentropfen-Prelude“ laufen lassen) …

Wenn’s einer weiß, dann er …

So sieht seine Kolumne aus

ES IST NICHT MEINE WELT, die „Clubszene“ mit ihren DJs, den sehr speziellen Künstlern, Veranstaltungen ab Mitternacht und geheimnisvollen Insider-Orten. Aber auch sie ist ein für viele vergnüglicher und beliebter Aspekt der Insel-Kultur, speziell in Palma, und einer, dessen Rat man unbedingt folgen sollte, ist Daniel Vulic, der Chef des Insel-Radios. Er macht seit nahezu 20 Jahren erfolgreich Programm und schreibt in der „Mallorca Zeitung“ jede Woche eine Kolumne, in der er die „Clubszene“ gebrauchsfertig, erfahren und vernünftig aufdröselt. Bei ihm findet man die Tips, die man nicht bereut, und wer immer nachts musikalisch, durstig und auf Tanzbeinen unterwegs sein möchte, dem rate ich dringend, vorher den „Vulic“ zu lesen.

Fullana, das ewige Wunderkind …

So beginnt seine schicke Website …

ER IST WAHRSCHEINLICH DAS BESTE, was Mallorca im Bereich Klassische Musik zu bieten hat – der Geiger Francisco Fullana. Der seit rund 20 Jahren als „Wunderkind“ bezeichnet wird. Was die Frage aufwirft: Wie lange ist man Kind? War denn Mozart kurz vor seinem Tode (mit 36) noch Wunderkind? Der arme Fullana müsste auch schon um die 30 sein, aber weil er immer noch mit dem Etikett „Das Wunderkind aus Mallorca“ aufspielt, sucht man ein Geburtsjahr vergebens: Es wird konsequent verschwiegen, damit das mit dem Wunderkind nicht albern wird, und so bleibt der junge Mann sein Leben lang infantil. Im Übrigen kann Fullana wirklich was, sein Spiel ist ein Genuss, er hat internationale Klasse, nur müsste das Kind jetzt mal (und endlich) gegen die Mutter antreten …

Friedhof der Kuschelrentner …

Paul Kuhn

IST ES NICHT RÜHREND, wie auf Mallorca Ex-Stars Konzerte geben – und in der Insel-Presse, von den Impresarios und dem überalterten Publikum gefeiert werden wie anno dunnemal? Ich glaube, hier könnte sogar Margot Eskens, z. Z. 80, auftreten und müsste sechs Zugaben singen. Als sich in Deutschland kaum jemand mehr an Paul Kuhn erinnerte, mimte er seinen „Mann am Klavier“ noch jahrelang hier. Jetzt tritt „Die große Stimme“ (Originalzitat einer Palma-Zeitung) Ute Lemper, 56, auf, von der jeder Profi weiß, dass ihr Sing-Organ seit 10 Jahren „hinüber“ ist (obgleich ihre Show im- mer noch was hermacht). Gefeiert wird auch Axel Zwingenberger als „Deutsche Jazz-Größe“ und Piano-Star, der mit jugendlichem Elan auf die Tasten hämmert, obwohl er Jahrgang 1955 ist und nie wirklich den Durchbruch geschafft hat. Ich finde es ja sympathisch, dass Mallorca als Gnadenbrot-Insel dient, wo Fans hocken, deren Erinnerungsvermögen nicht gelitten hat. Aber man sollte aufhören, uns die einfliegen- den Oldies so zu verkaufen, als sei es eine Herablassung, dass sie sich bereit erklärt haben, auf Mallorca zu gastieren. Und doch noch ein Wort zur Verteidigung: Natürlich sind diese Künstler zehnmal besser als jeder der Ballermann-Aktivisten a la Jens B., denen man leichtfertig die vier Buchstaben S, t, a und r nachwirft …

Jazz auf Mallorca? Ja, warum nicht?

So sah er aus in jungen Jahren …

ES GIBT EINE BEGEISTERTE SZENE, sie versteckt sich ein bisschen, aber es gibt z. B. einen sehr bewegenden Insel-Blues, und der wird nicht nur von einfliegenden Künstlern zelebriert, die anderswo entweder erfolglos oder abgetakelt sind. Es gibt sogar einen „Vater des Mallorca-Jazz“, den klassischen Komponisten und Musiker Baltasar Samper (1888-1966), der auch Musikwissenschaftler und sein Leben lang Dozent für Jazz an verschiedenen Universitäten war. 2019 erschien ein schmales Bändchen mit seinen Erkenntnisse, es heißt „Musica de Jazz“, ist leider nicht auf Deutschoder Englisch erhältlich – aber es gibt Aufnahmen von Samper, fabelhaft schöne Jazz-Einspielungen, auch mit eigenen Kompositionen. Und: Man findet ihn sogar auf YouTube …

4 Minuten Wagner für 2 Euro …

Der Sant Salvador von oben …
… das schlichte Kästchen …
… und die versteckte Erklärung

IN DER WALL- FAHRTS- KIRCHE AUF DEM SANT SALVADOR BEI FELANITX hängt ein unschein- bares Kästchen, das man für eine elektrische Installation halten kann und an dem deshalb 99,9 % der Besucher vorbeigehen. Dabei ist es ein Zauberkästchen, allerdings ohne Hinweis – nahezu geheim: Wer 2 Euro-Münzen einwirft, erlebt ein optisches und akustisches Schauspiel. Lichtspiele flammen auf im Kirchenschiff und rund um den Hochaltar und donnernd ertönt 4 Minuten lang der Pilgerchor aus Richard Wagners „Tannhäuser“. Das ist toll und mit 2 Euro nicht überbezahlt. Die Besucher sind begeistert, wenn einer das spendiert und ich rate jedem, es auch zu tun. – Ob’s so etwas auch in anderen Kirchen auf Mallorca gibt?

Das besondere Erlebnis in der „Geisterkirche“

Party mit Band in der Kirche …
… hoch ueber Son Servera

SIE STEHT IM STÄDT- CHEN SON SER- VERA, zimlich hoch auf einem Hügel, heißt simpel „Iglesia Nova“ und ist trotz ihres gotischen Aussehens eine junge Ruine. Denn sie wurde erst 1905 begonnen, Architekt war der Gaudí-Schüler Joan Rubio, wurde nie fertig und 1932 beendeten die Stadtväter den Bau aus Geld- und Lust-Mangel. Was macht man mit einer Kirche ohne Dach, mit leeren Fensterhöhlen und nichts tragenden Säulen? Man nutzt sie als Konzertsaal, Sportarena und Party-Location (denn sie wurde ja nie geweiht). Und ich erkläre hiermit: Es ist ein besonderes Vergnügen, in der „Iglesia Nova“ einem Konzert, egal ob Pop oder Klassik, zu lauschen oder ein Festessen einzu- nehmen! Es herrscht eine seltsame weltlich-sakrale Stimmung im mit Gras belegten Kirchenschiff. Man sitzt/steht/genießt Open-air – und auch wieder nicht, weil die Architektur zwar den Himmel zulässt, aber auch dreiseitig schützt. Zudem haben blühende Sträucher den Bau erobert – und bei Sonnenuntergang meint man, eine Lichtershow in Gottes Disko zu erleben. Mein Tipp: Bei der Gemeinde Son Servera nach der nächsten Veranstaltung fragen (die haben auch eine ziemlich gute Website) und die Event-Hinweise der deutschen Wochenzeitungen durchstöbern. Leute, es lohnt sich!