Auf dem Weg zur Ferkel-Insel

DEN EINDRUCK KANN MAN BEKOMMEN, liest man die Anzeigenspalten EROTIK in den Insel-Blättern. Da bekommt man Schamlosigkeiten geliefert – und Rätsel. Wenn z. B. eine „argentinische Therapeutin, reif, sexy und seriös“ (?) in „Mallorca Mitte“ ein reiches Veranstaltungsprogramm anbietet: „anal, Fesselspiele, fetisch, Peitsche, Erniedrigung“. Und noch etwas steht da: „Schwarzer Kuss“. Ich weiß nicht, was das ist, habe auch im Internet keinerlei Information gefunden. Es muss was furchtbar Schweinisches sein, wenn ich davon ausgehe, was ein „Weißer Kuss“ ist (diese Praktik tauchte bei meiner Internet-Suche auf). Es werden fast nur noch solche Sachen offeriert auf der Insel, so als wären die Perversen aus Deutschland nach hierher geflüchtet. Ich wundere mich, dass man das alles drucken darf, wenn man dafür bezahlt, um später dafür bezahlt zu werden …

Marder + Physalis = Ein leckeres Geheimnis!

Der Mallorca-Marder …
… und ein Physalis-Strauch

KLAGEN HABEN MICH ERREICHT, von fassungslosen Gartenfreunden. Die festgestellt haben, dass man ihre Physalis-Beeren aus den orangenen Blätterhüllen gefressen hat! Wer tut denn sowas, wenn das Obst noch am Strauch hängt? Mein Freund, der alte Bauer Jaume, wusste es: Der Marder war’s! „Der niedliche Räuber“, sagt er, „liebt die saftigen Kügelchen, ist ganz verrückt danach.“ Ich wollte es nicht glauben, dass ein Fleisch- und Aasfresser sich auf Früchte stürzen könnte. Aber Jaume versichert, das sei schon immer so gewesen und dagegen gäbe es kaum ein Mittel, denn wer würde auf die Marder losgehen, die uns gegen die Ratten und anderes Viehzeug helfen. Nun leben Baum- oder Edelmarder (lateinisch: Martes martes) nicht in jedem Garten, sie sind eher selten und ich habe in einem halben Jahrhundert noch nie einen erkennbar gesehen. Aber in meiner Umgebung häufen sich die Klagen. Nun ja, na wenn schon, gönnen wir den hübschen Kerlchen, die frische Physalis-Beeren nicht auf dem Markt kaufen können, den vegetarischen Zwischengang …

Ein Museum für die Insel-Maler!

Das Museum es Baluard in Palma

AN SICH FEHLT ES AUF DER INSEL NICHT AN MUSEEN. Ich denke sogar, dass man auf Erden weit reisen muss, um auf engem Raum so viele Sammlungen betrachten zu können. Es dürften an die 150 Museen sein, staatlich und privat, aber wie immer wieder zurecht festgestellt wird, fehlt eins – für die großartigen Maler (von/auf) Mallorcas! Zwar liegen in den Depots Hunderte von Bildern, von Anckermann bis Bardolet, von Cittadini bis Rusinyol, von Burwitz bis Miro, aber alle Versuche, diese sehr speziell von der Insel-Atmosphäre beeinflussten Künstler unter einem Dach zu zeigen, blieb stets in den Anfängen stecken. Natürlich – es gibt es Baluard und das Museu de Mallorca und einige Museen, die sich nur mit einem Maler beschäftigen (z. B. Miro, Krekovic und Bardolet), aber nun scheint Bewegung in die die Idee zu kommen und man muss nur aufpassen, dass sich im Inselrat nicht jene Holzköpfe durchsetzen, die jetzt schon sagen: „Aber Ausländer haben in diesem Museum nichts zu suchen …!“

Zum Sammeln! Die Barcelo-Flaschen …

Alle mit Etiketten von Miquel Marcelo …
… mit gebrannten Augen …
… und mit Fisch und Teufel

SIE WURDEN ALLE AUSGE- TRUNKEN – und oben auf einem Gläserschrank gesammelt: Diese sechs Weinfla- schen mit den herrlichen Etiketten von Miquel Barceló. Alle unterschiedlich, und die eine – die mit dem Augen- paar auf braunem Packpapier – hat er in Papier gebrannt. Sonst erkennt man seine „Faust“- und „Göttliche Komödie“-Illustrationen wieder, die Teufel, die Monster, die Stiere, und sogar die Fische in seiner Kathedralen-Kapelle. Der Maler aus Felanitx lässt sich also auch in Form von Weinetiketten sammeln, aber der Wirt der Kneipe, in der der Schrank stand, war nicht bereit, sie mir zu überlassen – er weiß, was er da hat!

Lokalpatriotismus in Hausschuhen …

Meine RCD-Füße …
… und ein Schlappen aus der Nähe

NUN JA, WENN MAN SCHON AUF MALLORCA WOHNT (oder ab und zu einfliegt) und sich für Fußball interessiert (oder auch nicht), kann man doch, ohne gleich zum Hooligan-Fan zu werden, in Hausschuhe schlüpfen, die nicht nur schick sind, sondern auch lokalpatriotisch – die Schlappen des besten Kickerklubs der Insel! Der heißt Real Club Deportivo Mallorca (RCD), ist in Palma Zuhause, war lange Jahre in der 1. Liga, spielt im Moment in der 2. Liga und hat ein heraldisch raffiniertes, aber sehr dekoratives Wappen in Rot und Gold mit Krone und Olivenzweigen. Natürlich hat der RCD auch eine Tienda plus Internet-Shop und da gab es diese wunderbaren Hausschuhe aus strammen schwarzem Filz mit diesem Klub-Logo, wie ich sie auf dem Foto trage.Im Moment sind sie nicht im Angebot, was die Puschen zu Antiquitäten macht, aber sind sie wieder verfügbar, kaufe ich mir sofort ein Ersatzpaar. Wie gesagt, aus tief unten angesiedeltem Lokalpatriotismus, und weil sie ebenso bequem und gut gearbeitet wie mollig warm sind. Und dass es überhaupt so etwas gibt auf Mallorca, wollte ich hiermit verkündet haben …

Entdeckt: Mallorcas Standuhr-Kultur …

Made in Palma …
... im frühen 19. Jh. …
… es gibt auch Uhren aus Paris …
… aber diese ist wieder aus Palma

DIE INSEL ÜBERRASCHT EINEN IMMER WIEDER, und als ich jetzt durch einige Läden traditioneller Uhrmacher schnürte, entdeckte ich wunderbare Antiquitäten, mit denen sie nebenbei handeln: zwei Meter hohe Standuhren in geschnitzten und bemalten Gehäusen! Dass es sie in doch erstaunlicher Menge und Schönheit auf Mallorca gibt, wusste ich nicht. Mit herrlichen Email-Zifferblättern, von vergoldeten Metallarbeiten eingerahmt, mit ebenso vergoldeten Pendeln und wundervoll klingenden Schlagwerken. geschaffen wurden diese Uhren in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts und sie funktionieren einwandfrei – sogar so gut, dass an einigen ein Schild steckt: „10 Jahre Garantie“. Uhrmachermeister in Palma haben sie geschaffen* und bis zu 200 Jahre standen diese Zeit-Schränke in mallorkinischen Bürgerhäusern und als sie, warum auch immer, nicht mehr erwünscht waren, kauften sie vor allem die Uhrmacher, die sich bisher um ihr Wohlergehen gekümmert hatten (Trödler scheuten vor den doch meist komplizierten Werken eher zurück). Die Preise? Unterschiedlich, aber sie liegen alle zwischen 4000 und 5000 Euro. Sieht kann man ein bisschen handeln, aber unter 4000 Euro wollte keiner gehen …

* Allerdings habe ich auch  einige Standuhren aus Paris gesehen

Jazz auf Mallorca? Ja, warum nicht?

So sah er aus in jungen Jahren …

ES GIBT EINE BEGEISTERTE SZENE, sie versteckt sich ein bisschen, aber es gibt z. B. einen sehr bewegenden Insel-Blues, und der wird nicht nur von einfliegenden Künstlern zelebriert, die anderswo entweder erfolglos oder abgetakelt sind. Es gibt sogar einen „Vater des Mallorca-Jazz“, den klassischen Komponisten und Musiker Baltasar Samper (1888-1966), der auch Musikwissenschaftler und sein Leben lang Dozent für Jazz an verschiedenen Universitäten war. 2019 erschien ein schmales Bändchen mit seinen Erkenntnisse, es heißt „Musica de Jazz“, ist leider nicht auf Deutschoder Englisch erhältlich – aber es gibt Aufnahmen von Samper, fabelhaft schöne Jazz-Einspielungen, auch mit eigenen Kompositionen. Und: Man findet ihn sogar auf YouTube …

MI MUSEU: Der Burwitz-Teller

MEIN FREUND NILS IST EINE ART MIDAS, was er anpackt wird zu Gold, aber der Unterschied zum ollen König der Phrygier ist, das er dabei nicht verhungert. Ich sammle von ihm, was ich mir leisten kann, und manchmal geraten auch Geschenke in meinen Besitz. Wie dieser schwere, repräsentative Ramon Llull-Teller von 30 cm Durchmesser, den Burwitz vor ein paar Jahren für eine Vernissage im Hotel „Son Vida Castillo“ geschaffen hat. Er ist eine Hommage an das philosophische Rechengenie aus Mallorca, dem es im 13./14. Jahrhundert auch gelungen war, so etwas wie den ersten Computer zu erdenken. Das Porzellan wurde natürlich nur in einer limitierten Auflage produziert und ich meine, dass es keinen öffentlichen Preis dafür gibt, weil keiner ihn verkaufen möchte.

Gucken im Port von Portocolom!

Ein moderner Wikinger hat an der Mole festgemacht …

DA LIEGT* DER NORWEGISCHE ZWEIMASTER „TOFTEVAAG“, 1910 gebaut auf der Insel Halsnöy im Hardanger Fjord. Eigentlich diente er dem Fischfang und war ein Frachter, 1989 wurde er restauriert und so (unsichtbar) umgebaut, dass es fortan für wissenschaftliche Expeditionen geeignet war. Ein sehenswertes Schiff mit einem freundlichen Wikinger an Bord, und wer noch nie einen über 100 Jahre alten Windjammer gesehen hat, kann hier an der Portocolom-Mole ganz nah rantreten – und vielleicht sogar an Bord gehen. In jedem Fall ein Ausflug mit einem lohenden Ziel für große und kleine Seebären, die sich eine romantische Ader erhalten haben …

* Es ist unklar, wie lange die „Toftevaag“ im Hafen bleibt, sicher noch ein paar Tage, wenn nicht Wochen. Dann fährt sie auf Expedition rund um Cabrera

Neuigkeiten aus dem Hafen von Portocolom

Die Mole jetzt (l.) und die geplante Mole …

ER SOLL EINE NEUE MOLE BEKOMMEN, 15 bis 20 m bauen sie an. Die alte, gegenüber der hübschen Altstadt, ist zu klein geworden und mit einer langen Mole kann man mehr Geld verdienen. Noch ist alles in der Planung, es könnte sogar bis 2023 dauern, aber die Pläne liegen vor, wie man sieht, und Platz ist genügend vorhanden. Wen interessiert’s? Die Boatpeople, die nautischen Ausflügler und die Spaziergänger – sie können dann viel weiter ins Meer vordringen!