Mein Corona-Tagebuch: Warum Mallorca?

DIE FRAGE HABE ICH DEUTSCHEN GESTELLT, die lieber auf der Insel geblieben sind (erlaubterweise), statt nach Deutschland zu fliegen. Denn noch ist das Leben unter der Virus-Fuchtel in heimatlichen Gefilden einfacher, auf Mallorca galten dagegen geradezu diktatorische Beschränkungen. Die Antworten waren einhellig: „Wir fühlen uns in der Corona-Krise auf Mallorca besser aufgehoben!“„Gerade in unserem Alter ist es sicherer hier!“„Wenn man schon eingesperrt wird, denn ist die Quarantäne doch schöner bei 25 Grad und Meerblick!“ „Uns fehlt hier nichts, und in Deutschland könnten wir nicht in der Sonne auf der Terrasse sitzen!“„Wir haben hier einen schönen Garten, da können wir uns den ganzen Tag im Grünen beschäftigen. In Deutschland haben wir nur eine Etagenwohnung, da würden wir vor Langeweile sterben!“„Auf der ganzen Welt ist die Hölle ausgebrochen und wir leben hier in unserem eigenen Paradies!“ Selig sind jene, welche eine Finca oder Eigentumswohnung auf Mallorca besitzen, und in diesen schweren Corona-Zeiten besonders …

Haben sie diese Annonce gesehen?

ICH GLAUBE NICHT, DASS SIE WAS MIT CORONA ZU TUN HAT, aber sie ist wieder mal ein Fundschatz aus den Anzeigenseiten der Insel-Blätter, die ich jede Woche mit besonderem Vergnügen studiere und gestern fand ich das da links. Da will also einer nach Mallorca ziehen (was schwierig sein dürfte bis frühestens Herbst) und er hofft auf einen, der inzwischen von der Insel flieht, warum auch immer, aber vielleicht doch vom Virus verjagt. Mein Tipp: Liebe Leute, schaut doch mal – wenn’s wieder möglich ist – beim Trödler-Restaurierer Dexailles vorbei, der hat in fast jedem Ort eine Filiale und es gibt kaum etwas, das er nicht liefern kann. Fazit: Das Unterhaltsamste in den Medien sind oft die vom Leser bezahlten Seiten …

Warnung! Fake-Book …

ES SIEHT SO NETT AUS, und der Untertitel „Reiselust-Geschichten“ klingt danach, dass man das Taschenbuch haben muss. Zumal es nicht mal 5 Euro kostet auf eBay. Aber „Mallorca, Mallorca“ ist ein Fake-Buch. Zwar findet man darin durchaus Geschichten, die auf der Insel spielen; aber um die Sammlung literarisch aufzumotzen, hat man sich der Verlag (Aufbau) zusätzlich und scheinbar billig bei Autoren bedient, die 1. nie in Mallorca waren, und 2. deren Texte absolut nichts damit zu tun haben! So findet sich neben anderen Unsinnigkeiten eine Stierkampf-Story von Ernest Hemingway darin. Das Kuriose ist, dass dieses Taschenbuch alle paar Jahre neu aufgelegt wird, stets mit neuem Cover, so dass man denkt, es sei nie vorher erschienen, und es wird unverändert gedruckt, obwohl ich dem Verlag den Betrug schon zweimal um die Ohren gehauen habe. Also Vorsicht bei „Mallorca, Mallorca“, das ich hier in der neuesten (aber eigentlich uralten) Ausgabe zeige …

Mein Corona-Tagebuch: Jubelschrei!

ER HALLT TAUSENDFACH DURCH DIE INSEL, von Tal zu Tal, von Berg zu Berg, von Ort zu Ort, von Strand zu Strand, von Stockwerk zu Stockwerk, von Straße zu Straße – und ist der herrlichste Moment seit Monaten!

Ab heute dürfen wir uns frei bewegen! Hurra!

Erstaunlich schnell hat die Regierung die Corona-Fesseln etwas gelockert, jetzt fehlt aber dringend, dass die Ausgesperrten zu ihren Wohnungen und Häuser zurückkehren dürfen …

Mein Corona-Tagebuch: Käse!

DIE WOCHENMÄRKTE SIND VEREINSAMT, die meisten finden gar nicht mehr statt. Schade! Xim, der mit dem besten Ziegenkäse aus eigener Produktion durch die Insel gezogen ist, versucht, das Beste aus der Corona-Krise zu machen: Er produziert mit seinen 40 Ziegen, legt die köstlichen Laibchen in seine Vorratskammer und sagte mir: „Die sind wochenlang haltbar, viele Stammkunden schleichen zu mir raus auf die Finca und im Winter konnte ich sowieso keinen Käse herstellen, weil die Muttertiere die Milch für ihre neugeborenen Zicklein benötigten.“ Er experimentiert sogar ein bisschen, blendet Ziegen- mit Kuhmilch und mischt Gewürze unter – Zeit, mal was Anderes zu probieren. Die Hoffnung beseelt ihn, dass der Virus „bald besiegt“ wird, denn er lebt natürlich auch davon, dass sein Käse „frisch“ ist. Wenn die Laibchen ein Jahr alt sind, mögen sie zwar immer noch gut schmecken, sehen aber nicht mehr so einladend aus und verkaufen sich schlechter. Xim hofft deshalb auf spätestens Juniund ich pflichte ihm bei, weil ich seinen Käse liebe …

Mein CORONA-Tagebuch: Lesen!

CORONA SEI DANK, endlich kann ich den Bücherstapel, den ich mir seit langem vorgenommen hatte, „weg-lesen“! Ich bin sonst nicht dazu gekommen, trotz aller guter Vorsätze. Jetzt sitze ich im Windschatten auf der sonnigen Terrasse, habe den Zweikilo-„Faust“ von Goethe und Miquel Barceló auf den Knien, lese links Spanisch, rechts Deutsch und begeistere mich an seinen Zeichnungen. Dann wartet die dicke Schwarte „Blühende Mandelbäume“ der italienischen Diplomatentochter und Dichterin Fabrizio Ramondino, die ihre Kindheit im Franco-Mallorca verlebte. Es ist doch so, dass man in „Friedenszeiten“ ein Buch mit 500 und mehr Seiten ungern zur Hand nimmt, weil man nur immer kleine Häppchen schafft und sich immer wieder neu einlesen muss … 

Mein CORONA-Tagebuch: Parkplätze!

JETZT, DA MAN KEINE BRAUCHT, SIND SIE REICHLICH VORHANDEN – die Parkplätze! Die Städte sind leer und die Abstellbuchten, die Parkhäuser, die Seitenstreifen auch. Por dio, wär’s doch immer so! Ich, der ich sogar in der stillen kleinen Landgemeinde Son Carrió, und ich weiß, dass kaum einer weiß, wo die liegt, und wie man da hin kommt, eines schönen Sommertages einen Strafzettel wg. Falschparkens bekommen habe! Und habe ich nicht schon mal aus dem Parque de Mar in Palma wieder rausfahren müssen, weil alle Plätze belegt waren – aus diesem riesigen unterirdischen Autodepot, das so lang ist wie die Kathedrale und die Almudaina zusammen! Wie herrlich wäre es, jetzt die Insel auf vier Rädern zu erkunden. Aber wie immer, steckt im Guten immer was Schlechtes, und im Schlechten immer was Gutes, und meist ist der Mensch nicht in der Lage, das zu nützen, was er gerade braucht …

Mein CORONA-Tagebuch: Nähe!

SIE FEHLT, und dass sie fehlt, wird einem mit jeder Woche drückender bewusst! Es ist nicht mal nur der Schwatz über den Zaun (der ist ja noch erlaubt), sondern das Bewusstsein, dass man nicht alleine ist. Dass man im Notfall Gesellschaft hat, oder auch nur, weil der Mensch ein Herdentier ist, und deswegen ist der Kaffeeklatsch der Damen keine lächerliche Angelegenheit, sondern eine wichtige Aussprache unter Gleichgesinnten. Wie der Stammtisch der Herren. Nähe ist Wärme und Wärme ist Behaglichkeit. Die fehlt jetzt, aus Entsetzen vor dem Corona-Virus wurde sie verboten. Das mag medizinisch gerechtfertigt sein, aber lebensgefährlich für alte Menschen ist auch die Kälte des Lebens, denn dabei erfrieren ihre Seelen …

Mein Corona-Tagebuch: Wie geht’s denn so?

DAS FRAGE ICH NATÜRLICH ALLE und bekomme (meist) nette Antworten. Wie zum Beispiel von meinen Freunden Martina & Eggi. Sie haben mir ihre Quarantäne-Erlebnisse sogar geschrieben, und zwar so: „Wir laufen täglich einen Berg rauf und runter oder fahren Fahrrad. Wir sind auch auf der ‚Via Verde‘ von Manacor bis Sant Llorenc geradelt, dort haben wir in einer netten kleinen Bar Salat und einen Wein genossen, und das war ein wahnsinniges Luxusempfinden dort in der Sonne mitten in dem leisen, aber fröhlichen Geschnatter der jungen Leute zu sitzen.“ Na also, es geht doch wieder was, die Eingesperrten brechen aus und kehren am Abend artig wieder zurück in ihre klösterliche Zweisamkeit …

Mein CORONA-Tagebuch: Selbstversorger!

„UND, HUNGERST DU SCHON?“, habe ich meinen Freund K. gefragt, der eine ländliche Finca bei Arta bewohnt. Da hat er nur gelacht: „Ich bin Selbstversorger! Ich muss nicht mal in den Supermarkt, ich halte es wochenlang aus.“ Der Glückliche. Er hat einen gepflegten Gemüsegarten, hortet säckeweise Mehl, aus dem er Brot bäckt und Nudeln herstellt, auf den Feldern rund herum findet er Köstlichkeiten wie wilde Artischocken, grünen Spargel und Naturzwiebeln, sein Obst wird zu Marmelade und Kompott, er keltert sogar Olivenöl und auf Fleisch kann er durchaus einmal auf ein paar Wochen verzichten, obwohl er und seine Frau keine Vegetarier sind. Großartig! So hat er schon vor der Corona-Krise gelebt, die er jetzt, sozusagen mit der Gabel in der Schüssel, lächelnd bewältigt. Wie meine mallorkinischen Nachbarn, aber das sind Campesinos, die haben ihre traditionelle Lebensweise nie ganz aufgegeben. Das sich jedoch ein Ausländer wie K. angepasst hat, ist eher selten …