Palma

Es ist so schön auf der Insel …

Da bekommt man Heimweh nach der Insel …                                                    (Foto: Ursula Becker-Schmitz)

WAS AUCH IMMER MAN AN HORROR-MELDUNGEN HÖREN MAG – bei mir haben sich am einem Tag (gestern) drei Familien gemeldet, die ein Haus oder ein Apartment auf der Insel besitzen und sich spontan entschlossen haben, den Winter über da zu bleiben. Weil es „so wunderschön ist wie sonst nie“, wie einer mir sagte; „so einsam und so herrlich mallorkinisch, wie wir es gar nicht kennen“, so ein anderer; „da ahnt man, wie Mallorca in der Hochsaison am Tourismus leidet“. Nun sind die Überwintere 1. nicht mehr jung, und 2. finanziell unabhängig. Und 3. hoffen Sie, dass kein lokaler „Lockdown“ beschlossen wird, der sie in ihren vier Wänden kaserniert, aber die aktuellen Zahlen deuten nicht darauf hin, obwohl ein himmelweiter Corona-Unterschied besteht zwischen bestimmen Stadtteilen Palmas (beängstigend hoch) und z. B. der Gemeinde Felanitx (lächerlich niedrig). Gratulation, Leute, ich wünsche einen milden Winter, obwohl der Wespen und anderes unliebsames Getier millionenfach züchten würde …

Stimmungslage Corona …

Ideal für die Corona-Quarantäne: Mandeln klopfen …

DIE EINEN SAGEN SO, DIE ANDEREN WS ANDERES, und die eigene Meinung möchte man ja nicht immer ins Schaufenster stellen! Deshalb zitiere ich meine kluge Schweizer Freundin Ruth aus der Email, die sie mir gerade geschickt hat: „Der erste wolkenverhangene Tag sein Wochen – und trotzdem schön. Auch wenn es auf der Insel zunehmend stiller wird. Restaurantbesuche werden weniger, Palma ist einsamer geworden, die Bar Bosch leerer, die Läden unattraktiv – für wen oder was sollten sie denn überhaupt attraktiv sein? In die Heimat zurückzukehren, macht nicht viel Sinn. Da ist es auf Mallorca schöner. So warten wir in unserem kleinen Refugium ab, was die nächste Zeit bringt.“ Recht so, Ruth, Gelassenheit besiegt die Seuchen, die Herrlichkeit der Insel verscheucht von Trübsinn infizierte Gedanken. Und wissen Sie, wofür die blöde Virus-Zeit ideal ist, weil so besinnlich, erholsam und doch irgendwie körperlich anspruchsvoll: Mandeln klopfen – vom eigenen Baum, beim Campesino geholt oder im Laden der Einheimischen gekauft …

Prof. Jürgen Wölke – in memoriam …

 

 

JEDES SEINER OBJEKTE STELLT EIN KLEINOD DAR – und es ist ein Glück, dass dieser Berliner Künstler seine Renaissance ausgerechnet auf Mallorca erlebte – unter den Fittichen des Immobilien-Galeristen Lutz Minkner. Dabei war ich es, der Jürgen Wölke eigentlich entdeckt hat. Mitte der 70er-Jahre war das, da begann er, Berliner Szenen als puppenstuben-artige Schaukästen aus Material zu bauen, das er auf der Straße und im Abfall zusammenklaubte. Ich durfte ihn damals auf einer Sammel-Safari begleiten, konnte mir aber keines seiner Kunstwerke leisten, da sie 1500 Mark (heute ca. 750 Euro) kosteten und er nicht mit sich handeln ließ. Was er an „räumlich plastischen Materialbildern“ auf der Insel geschaffen hat, das ist bis Donnerstag, 10. September in der Galerie Minkner in Santa Ponca zu besichtigen (Mo-Fr, 10-18:30 Uhr, Titel: „Palmas Gesichter – Palmas Fassaden“) und natürlich kann man die wunderlich-wunderbaren Stücke (alles Unikate!) kaufen: für 1000 bis 2000 Euro! Erkenntnis: Man muss den deutschen Kunstprofessor, der 2010 mit 67 Jahren in Palma starb, auf seine Art zur Kunstgeschichte der Insel zählen …

Das Geheimnis hinter dem „Regentropfen-Predulde“ …

ES IST DAS BERÜHMTESTE MUSIKSTÜCK MALLORCAS: Frederick Chopins Op. 28, No. 15, von 1838/9, genannt das „Regentropfen-Prelude“. Klassikfreunde hören aus der 5 bis 8 Minuten langen Komposition fallende Tropfen heraus, mir gelingt das nicht, und seit dem Entstehungsjahr doktert man an dem Titel herum, interpretiert ihn immer wieder neu – und der einst weltbekannte Künstler Charles Lamotte (1903-1983), ein Franzose mit US-Pass, hat versucht, den Moment der Idee dieses Prelude darzustellen: Chopin am offenen Fenster in Valldemossa, draußen schauerlicher Regen, George Sand und ihre Kinder sind auf einem Ausflug nach Palma überfällig (ihre Kutsche hatte einen Unfall), er regt sich auf und versucht, diese Aufregung auf Notenblätter (eins hat er in der Hand, sechs flattern am Boden) zu bannen. Lamottes Werk wird auf eBay USA für 50 Euro ange- boten, es ist ein Druck auf Papier, misst 33 x 22 cm und ist mit einem erklärenden Text versehen. Gerahmt an der Finca-Wand ist es eine Besonderheit, nämlich ein wichtiger Moment der Geschichte der Insel, umgesetzt fürs Auge (und dazu kann man ja die „Regentropfen-Prelude“ laufen lassen) …

Unglaublich teuer – pro Quadratzentimeter!

ES IST EIN AQUARELL und der Mallorkiner Antonio Ribas (1845-1931) hat es gegen Ende des 19. Jahrhunderts gemalt. Titel: „Cala de Cabas“. Ich habe es im Laden eines Kunst- händlers in Palma entdeckt – für 2020 Euro, wobei nur die 20 Euro verhandelbar waren. Was mich erschreckt hat, war das Preis-Größe-Verhältnis, denn dachte man sich den breiten, das Bild fast verdoppelnden Rahmen weg (28 x 23,5 cm), blieb nur ein Kunstwerk von 17 x 12,5 cm übrig! Das ist die Größe einer Postkarte und rechnet man sie auf Quadratzentimeter um, kostet jeder 9,50 Euro. Ehe mir einer Banausentum vorwirft … – ja, ich weiß, Kunst kann man nicht so berechnen, dennoch bedeutet das doch, dass der Ribas so viel kostet wie ein gebrauchter Kleinwagen, aber nur in einer stillen Ecke aufgehängt werden kann, weil er nicht dekorativ genug ist für einen Show-Platz! Nun, es ist wie es immer ist: Den Mallorkinern ist alles Mallorkinische am teuersten …

Mein CORONA-Tagebuch: Parkplätze!

JETZT, DA MAN KEINE BRAUCHT, SIND SIE REICHLICH VORHANDEN – die Parkplätze! Die Städte sind leer und die Abstellbuchten, die Parkhäuser, die Seitenstreifen auch. Por dio, wär’s doch immer so! Ich, der ich sogar in der stillen kleinen Landgemeinde Son Carrió, und ich weiß, dass kaum einer weiß, wo die liegt, und wie man da hin kommt, eines schönen Sommertages einen Strafzettel wg. Falschparkens bekommen habe! Und habe ich nicht schon mal aus dem Parque de Mar in Palma wieder rausfahren müssen, weil alle Plätze belegt waren – aus diesem riesigen unterirdischen Autodepot, das so lang ist wie die Kathedrale und die Almudaina zusammen! Wie herrlich wäre es, jetzt die Insel auf vier Rädern zu erkunden. Aber wie immer, steckt im Guten immer was Schlechtes, und im Schlechten immer was Gutes, und meist ist der Mensch nicht in der Lage, das zu nützen, was er gerade braucht …

Schöne alte Bücher: Uralte Holzschnitte …

DASS AUF MALLORCA SCHON BÜCHER GEDRUCKT WURDEN, als anderswo 90 % der Menschen Analphabeten waren, ist bekannt. Dass einige der uralten Verlage (= Druckereien) immer noch existieren, wissen nur wenige. Und dass diese Emprentas noch ihre fast 1000-jährigen Bestände an handgeschnitzten Druckblöcken aus Holz horten, kann keiner ahnen. Aber manchmal bekommen Autoren Zugang und dann erscheinen unfassbar schöne Bücher wie dieses, in dem Luis Diez de Corral die grafischen Schätze von E. C. Ricart in Palma zeigt. 1942 ist dieser Bildband („Mallorca Xilofrafias de E. C. Ricart“) erschienen und beim spanischen eBay werden 20 Euro dafür verlangt. Was ein Schnäppchenpreis ist für diese viele Dutzend in Holz gekerbten Bildgeschichten, Jahrhunderte alt und nicht selten von bekannten Künstlern.

Mein Corona-Tagebuch: Gebuchtes Hotel!

INTERESSANTER FALL: Eine Hochzeitsgesellschaft hat ein Hotel in Palma komplett gebucht – und die Zimmer individuell bezahlt! Für das Wochenende ab Freitag, 22. Mai. Die Hochzeitsfeiern wurden nun aber wg. Corona-Quarantäne abgesagt, die Zimmer storniert, und nun wollen die Gäste ihr Geld zurück. Aber der Hotelbesitzer glaubt an Wunder, und tut so, als könnte die Hochzeit stattfinden. Wie löst man den Fall? Die Rechtslage sieht so aus, dass das Hotel die Zahlungen erstatten muss, wenn es durch einen „unvermeidbaren außergewöhnlichen Umstand“ (Höhere Gewalt) seinen Vertrag nicht erfüllen kann. Dies ist der Fall, wenn das Einreiseverbot Spaniens den Buchungszeitraum betrifft: Derzeit gilt es offiziell nur bis 15. Mai (also 1 Woche vor dem Hochzeitstermin), wird aber höchstwahrscheinlich verlängert. Sobald dies geschehen ist, wird das Hotel aufgefordert, sämtliche Zahlungen zu erstatten. Lässt das Hotel die Frist verstreichen bzw. zahlt nicht, wird Klage erhoben. – Und so wird das Virus auf Mallorca juristisch …

Mein Corona-Tagebuch: Hochzeit geplatzt!

NUN JA, ES WÄRE DIE VIERTE MEINES FREUNDES H. GEWESEN, „die aber wirklich die letzte“, versichert er. Die Corona-Quarantäne hat sie unmöglich gemacht, denn sie sollte quer durch seine Lieblingsinsel stattfinden – mit Polterabend, Brunch, Strandparty, Gartenball, Hochzeitsdinner, Trauung, noch’n Brunch und Abschiedsessen zwischen Palma und Magaluf. Das hat er nun alles absagen müssen – mit 60 und teuren Schwierigkeiten, denn der Besitzer des Hotels in Palma, das H. für seine Freunde komplett gebucht und bezahlt hatte, akzeptiert die Stornierung ebensowenig wie einige Wirte der anderen Veranstaltungen. Weil ja 1. noch nicht klar sei, ob die Hochzeit nicht doch noch stattfinden könne, 2. „Höhere Gewalt“ im Spiel sei, bei der Storno juristisch nicht vorgesehen sei, und 3. alles seine Schuld sei, da er keine Versicherung gegen unvorhergesehene Ereignisse abgeschlossen habe. Mein gefürchteter Freund Armin ist jetzt eingeschaltet, der Anwalt in Palma. Und mein Freund H. hat, um das Virus auszutricksen, das Ereignis um ein Jahr verschoben und da musste die Braut sehr weinen …

Der Stierkampf als Kunstwerk …

… EXISTIERT IN EINIGEN SEINER PLAKATE, und die sind wirklich großartig. Man betrachte sich nur mal die- ses Corrida-Plakat vom 17. August 1913. Geschaffen vor über 100 Jahren für einen Stierkampf in der Arena von Palma. Als Vorlage dienten die Grafiken eines da- mals sicher bekannten Malers und der barocke Schwung des „Modernismo“, das spani- schen Jugendstils, ist noch zu spüren. Das Plakat misst nur etwa 40 x 20 cm und ist vom Alter ausgefranst. Ein Picador ist zu sehen, die Lanze im Stiernacken, auf einem damals noch unge- schützten Pferd; weiter oben ein Hirte mit Jungstieren auf einer andalusischen Weide. Es handelt sich um eine dauerhaft verwendbare Ereignis-Vorlage, in die man ak- tuelle Termine, Orte und Teilnehmer schwarz eindrucken konnte, von Cadiz bis San Sebastian und hier eben Palm de Mallorca. Ein Schatz, finde ich, der die Erinnerung an die uralte Tradition des Stierkampfes ins Unendliche ver- längern wird …